Zur Elbe bei Dresden (Informationen 1/4 zu Bild 9) Zum Verzeichnis der Informationenzum Bild zurück
   
Opernhaus (2. Bau, Semperoper), Wiederaufbau nach Kriegszerstörung bis 1985, Aufnahme 1990 [bildindex]. Eine Szene aus dem deutschen Frühling im Herbst (Martin Walser): Am 7. Oktober hatte in der Semper-Oper in Dresden "Fidelio" Premiere. Als wir am 8. Oktober eine Stunde vor der Vorstellung von der Grimaustraße zum Theaterplatz einbiegen wollten, stoppte uns ein Polizist. Wir sollten – zu unserer Sicherheit, sagte er – irgendwo an der Elbe einen Parkplatz suchen. Da drinnen sei "Randale". Es stellte sich heraus, dass das großartig wiederaufgebaute Opernhaus im weiten Umkreis von Polizei geschützt war. Zwischen Postplatz und Theaterplatz war in der Sophienstraße eine Demonstration, zwischen zwei Polizeilinien stecken geblieben. Wir schauten zu  (weiter unterm Bild) …
   
…  Eine junge Frau wollte von unserer Seite mit Mann und Kind durch die Polizeilinie durch zur Demonstration. Ein ebenso junger Polizeioffizier hinderte sie. Das da vorn sei eine ungesetzliche Veranstaltung. Wer macht das Gesetz, fragte die Frau so erregt, dass der Polizeioffizier sie einfach passieren ließ. Ihr Mann mit Kind hinter ihr her. Die Polizei hatte ihre Legitimität endgültig eingebüßt. Das „Fidelio"-Bühnenbild wirkte, obwohl es sicher vor Monaten entworfen worden war, als sei es in diesen ersten Oktobertagen entstanden: Knapp hinter der Rampe quer über die ganze Bühne ein hoher Drahtzaun, oben, bühneneinwärts geknickt, Stacheldraht. Dahinter ein hochmodernes Gefängnis. Was man hört an diesem Abend und sieht, man hört und sieht es durch Drahtgeflecht. Man wird sich diese Aktualität nicht gleich vom Wahlspruch des Hauses Wettin erklären lassen müssen, der mit dem sächsischen Wappen in den rekonstruierten Opernvorhang eingewoben ist: Providentiae memor. Wieder eine unheimliche gute Inszenierung. Von Christine Mielitz. Inszenieren und spielen die hier vielleicht so gut, weil sie wissen, warum sie etwas spielen? Das wäre eine Erklärung. Da auch die Kostüme anstrengungslos von heute waren, wirkte der Gefangenenchor am durchschlagendsten. Sicher auch, weil er ohne Gesten-Dramatik eine ganz genaue Studie der Angst exekutierte. Jedes Wort wurde verstanden. "Leise, leise, haltet euch zurück, ihr seid belauscht von Ohr und Blick." Dem ersten Auftritt des Chors folgte ein fast den Abend unterbrechender Beifall. Schräg unter uns, in der Staatsloge, wurde auch geklatscht. Ich glaube, Hans Modrow war dabei. Noch einmal eine solche Ovation am Schluss, als die Frauen, gekleidet wie heutige Dresdnerinnen, ihre aus der Haft entlassenen Männer abholen. Am Abend zuvor, dem eigentlichen Premierenabend, soll es genauso gewesen sein. In der Pause konnte man aber nicht aus der Oper hinaus. Die mächtigen Portale waren verschlossen. Wer hinaus musste, dem wurde aufgemacht mit dem Hinweis, dass er nachher nicht mehr hereinkomme. Die Kunst solle an und für sich frei sein dürfen. Zu spät. Drinnen und draußen: Frühling im Herbst. …  Auszug aus dem Artikel "Kurz in Dresden. Einige Szenen aus dem deutschen Frühling im Herbst" von Martin Walser, erschienen am 25. November 1989 in der Zeitung "Die Union" (Quelle)